Bilder, Sex und Frauen

 

Der Mensch, insbesondere die Frau, als Wegwerfware

Kolumne in der Aargauer Zeitung
Donnerstag, den 30. November 2006

Gastautorin: Regula Stämpfli

Zwei Fünftklässler haben Oralsex auf dem Schul-WC, ein dritter filmt mit dem Handy, das «Produkt» wird stolz auf dem Pausenhof rumgezeigt. Ein 11- und ein 13-jähriger vergewaltigen die fünfjährige Sarah diesen Frühsommer und erst vor zwei Wochen findet in einer Schweizer Schule eine über Wochen dauernde Massenvergewaltigung der 13-jährigen Michelle statt. Die Expertinnen und Experten geben sich ratlos, die Medien stellen dieselben Fragen und die Schulleitungen sind völlig überfordert.

Die Mediengesellschaft des Kurzzeitgedächtnisses und der Schlagwortwissenschaften feiert einmal mehr Hysterie statt Analyse, Prominenz statt Kompetenz, Hilflosigkeit statt Veränderung. Während philosophisch geschulte Intellektuelle schon Tausende von Seiten «Fetischismus und Kultur» gelesen, über die «Macht der Symbolik» Bescheid wissen und vom «Unbehagen der Moderne» erzählen, plappern irgendwelche Mediziner, Politiker, Psychoanalytiker über die Gewalt an Schweizer Schulen, genauso wie es der Stammtisch eigentlich besser kann. Die Zeit ist reif, Philosophinnen zu Wort kommen zu lassen! Denn die Pornografisierung an Schweizer Schulen ist kein psychisches oder physisches oder – Hilfe! – gar hormonelles Phänomen, sondern ein kulturelles, ökonomisches und nicht zuletzt politisches. Denn was passiert hier eigentlich? Der Mensch, insbesondere die Frau, ist mittlerweile überall eine Wegwerfware. Ein Ding. In der Fortpflanzungsindustrie bestenfalls eine Reproduktionsmaschine. Je mehr die Frauen ihre Macht in Politik und Wirtschaft erobern, umso stärker werden sie in den Medien (zum Teil von Frauen selber), in der Werbung, in der Medizin und in den Naturwissenschaften auf ihre Biologie, ihre Materialität, ihren «Gebrauchswert» reduziert.

Der käufliche Sex beispielsweise gilt inzwischen als cool und füllt mehr und mehr teure Zeitungsseiten mit Bewunderungs-Reportagen. Die Werber produzieren mit «Sex sells» eine jeglicher menschlicher Erotik und Fantasie entleerte und überall präsente Sexualität. Die Mediziner und Naturwissenschafter vergleichen alle Menschen im allerbesten Fall mit Präriewühlmäusen. Jeder Körperteil, jeder Körpersaft, jede biochemische Konstellation, jede biologische Evidenz wird bebildert, in Einzelstücke seziert und dann von meist männlichen und älteren Naturwissenschaftern völlig sozialdarwinistisch und vor allem sexistisch – unter ständigem Gekicher ihrer minderbemittelten jungen Gespielinnen oder Interviewpartnerinnen – interpretiert. Gleichzeitig wird schon nur rein bildermässig wie im Operationsaal das gleissende öffentliche und mediale Licht vor allem auf die weiblichen Geschlechtsteile gerichtet.

Die Tyrannei der Bilder der Intimität
wird totalitär, wir werden ständig und
ungefragt mit dem Waren-Bild von
Frauen und Menschen konfrontiert

Diese Helligkeit und die Fokussierung auf den medizinischen, ökonomischen und kulturellen Maschinenwert der Menschen zerstört langfristig nicht nur das Frauenbild, sondern allgemein die menschliche Sexualität und schliesslich auch die Vorstellung des Menschen. Denn diese Sexualisierung ist nichts anderes als eine Technisierung. Die Tyrannei der Bilder der körperlichen Intimität wird so totalitär. Wir alle werden ständig und ungefragt, ohne Wahlmöglichkeit mit diesem Warenbild von Frauen und Menschen konfrontiert. Ich kann mittlerweile die vielen Plakat-Frauenärsche gar nicht mehr zählen, die mir auf dem Weg durch den Berner Bahnhof begegnen. Dass vor allem Frauen so sprichwörtlich entblösst, dass mit einer solchen Visualisierung die weibliche Zerstückelung, Entwürdigung und Missachtung des Gegenübers gefeiert werden, fällt niemanden auf.

Als Philosophin weiss ich aber um die sich Gesellschaften im Bild konstruieren. Es geht immer um Macht. Die Macht beispielsweise, Frauen zur Ware zu degradieren. Frauen verfügen so nicht über ein eigenes Bild, eine eigene Subjektivität und einen eigenen Willen. Kombiniert mit einer frauenfeindlichen Religion (sind das nicht alle?) ergibt das dann Machtkonstellationen, die Frauen dem Zerstückeln, dem Gebrauchen und dem Vernichten freigeben. Aus dem pseudo-lustigen «How to kill your Barbie» auf «20 Minuten», folgt eine Gewaltorgie gegen Mädchen und Frauen im normalen Leben.

Da Kinder und Jugendliche an Schweizer Schulen nicht in der Alphabetisierung des Blicks geschult werden, haben sie gegen solche Bilder keine Diskussionen, Argumente, Seh-Weisen und Brechungen zur Verfügung. Sie sind voll der herrschenden Frauen-Waren-Ökonomie ausgesetzt. Ohne Kompetenzen der Gegenrede. Denn diese verbieten die Erwachsenen sich mit idiotischen Lehrplänen ja selber. Deshalb wird statt Sprachen, Ovids «Metamorphosen» oder Rhetorik an Schweizer Schulen lieber das Kondom auf der Banane, die Fortpflanzung von Kaulquappen oder die Teilnahme an «Music Star» gelehrt.

Dass es aber mehr braucht, als Frösche zu sezieren, um Mensch zu werden, merkt in der philosophiefreien Naturwissenschafts- und Ökonomiedominanz niemand mehr. Diese überall herrschende Missachtung der Menschenwürde – vor allem auch im Bild und in der Vorstellung – ist eigentlich eine Kriegserklärung an alle Menschen. Ein Krieg, der an den Schweizer Schulen offenbar schon stattfindet.

Regula Stämpfli, Politologin, Dozentin für Politik und politische Philosophie, Buchautorin, und u.a. Mutter von drei Söhnen.