Das kleine Glück
 
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Beim Kauf eines antiquarischen Buches fand ich, welch ein Glück, den nachfolgenden Text.

Es ist ein Zeitungsartikel einer Zürcher Zeitung etwa aus dem Jahre 1920, der als Lesezeichen Verwendung fand.

Der Text war war er mit dem Pseudonym "Xenos" unterschrieben.

Vom grossem Glück redet man häufiger als vom kleinen. Wer hätte nicht gern ein grosses Glück, ein Traumglück? Es ist das Wunderbare, nach dem wir uns alle irgendwie sehnen.

Alle Jugend dichtet an dem grossen Glück, das eines Tages kommen wird. Es existiert sicher irgendwo, und - "wenn nur etwas käme und mich mitnähme", dorthin, wo es zu finden ist. Es weiss zwar keiner so recht zu sagen, worin das grosse Glück eigentlich besteht. Es liegt ja im Phantasieland, im Märchenreich. Irgendwie ist es eine grosse Liebe oder eine grosse Macht. Denn das sind doch die glänzenden Sterne, zu denen alle die Millionen von heimlichen Prinzen und Prinzessinen hinaufschauen.

Aber das grosse Glück gleicht so häufig einem abnehmenden Gestirn. Es wird immer kleiner und kleiner, je älter wir werden, und am Ende ist man ganz froh, wenn von dem ganzen Traumgebilde noch ein kleiner Stern, ein kleines, stilles Leuchten übrigbleibt, das kleine Glück des Tages.

Es braucht nichts Besonderes oder Aussergewöhnliches zu sein. Ich sah es oft im Orient am Horizont aufsteigen über dem Gebirge, wenn wir im Schatten einer Sanddüne oder eines Felsens in furchtbarer Wüsteneinsamkeit und in trostlose Öde uns ein Lager für die Nacht gerüstet hatten. Rings um uns her versank rasch die Welt in Nacht und Grauen. Aber dann stieg das "kleine Glück", wie die Araber den Abendstern nennen, still und mild über die Wüstenlandschaft empor und wir labten uns dankbar und glücklich an seinem Licht.

Preiset mir nicht den, der einem grossen Glück nachjagt, das er vielleicht doch nie erreicht, sondern den, dem in nächster Nähe ein solches kleines Glück leuchtet. Man muss es nur sehen. Es gibt überall solche Privatsterne, die nicht der ganzen Welt leuchten wie die Sonne, sondern einem kleinen Tälchen oder vielleicht gar nur einer Stube. Da sitzt in einer Dachkammer ein armes, altes Mütterlein über ihrer Näharbeit. Die Augen tun weh. Der Verdienst ist mager. Die Sorgen drücken. Die Treppen sind schwer und steil zu steigen für alte Knie und es ist oft lange kalt und einsam in der Mansardenwohnung. Aber am Gesims dort vorn blüht das kleine Glück der alten Frau: ein paar prächtige Geranienstöcke, die für sie eine ganze Gemäldegalerie und einen wundervollen Stadtpark darstellen. An diesem kleinen Glücke labt sich die Greisin und stillt das glückshungrige Herz, wenn sie liebevoll die Blumen pflegt.

Im Krankenzimmer liegt ein Mann seit vielen Jahren gelähmt.Er hat dem grossen Glück entsagen müssen, als er stillgelegt worden ist auf seiner Laufbahn, die ihn dem grossen Erfolg entgegenführen sollte. Nun hängt er ab von seiner Umgebung. Er muss warten, bis man ihm die nötigsten Dienstleistungen gewährt und er könnte oft einer fressenden Griesgrämigkeit verfallen, wenn er nicht sein kleines Glück hätte, das mit ihm die Stube teilt: die possierliche Katze, die auf der Ofenbank so gemütlich schnurrt und mit ihrem Schnurren und ihrer selbstverständlichen Behanglichkeit auch ein kleines Glück in das Leben des Gelähmten hineinspinnt.

Wir können alle solch ein kleines heimliches Glück haben, zum Privatgebrauch in solchen Stunden, da der Welt alle Sonne verlorengegangen zu sein scheint. Wer die Augen hat zu sehen, muss nicht ohne ein solches handliches Glück durchs Leben gehen. Denn "a Freud muss der Mensch han", und wenn das Herz keine grosse Freude greifen kann, so findet es geschwind eine kleine.

Dafür, dass niemand ohne ein kleines Glück wenigstens zu leben braucht, ist uns die Schönheit gegeben. Sie liegt auf allen Wegen verstreut. Gestern sah ich in der Winterlandschaft ein Birkenbäumchen. Das stand mit nackten Ärmchen so andächtig und anmutsvoll an der langweiligen Strasse, dass ich mein Auge für mehr als nur einen Augenblick daran labte und den zierlichen Scherenschnitt beobachtete, den es mit seinen zarten Konturen in den abendblauen Himmel hineinschnitt. Auf der Strasse huscht ein kleines Stück Schönheit vorüber mit zwei lachenden Augen begabt und von Jugendfreude geschwellt. Sie gehören nicht dir, aber du darfst im Vorbeigehen rasch ein Auge voll davon nehmen als ein kleines Glück, ein Löffelchen voll aus der grossen beglückenden Schönheit, an der die Welt reich ist.

Dazu sind uns auch die Bücher gegeben, diese stillen Freunde, die zu uns kommen in den einsamen Stunden, die Dichtungen von Glückträumern, die ein grosses Glück dichten, damit andere daran wenigstens ein kleines fänden. Man muss sie nur so zu nehmen und zu lesen wissen. Man muss nur auch ihnen gegenüber den Sinn für die kleinen, verborgenen Schönheiten haben, dann kann man, wie etwa bei Gottfried Keller, so einen einzelnen Satz wie etwas unsäglich Reifes und Süsses gleichsam in den Mund nehmen und ihn in einem kleinen Glück vergehen lassen.

Jüngst war ich in der Landkirche meines Heimatortes. Da wandelten sie heran von allen Seiten, alte, gebückte Bauern und Bäuerinnen, ein Reis Rosmarin auf dem Gesangbuch. Sie sassen in der Kirche, müde von der Wochenarbeit wohlig ausgespannt. Sie sangen mit rauher Stimme die alten Lieder und blinzelten dann etwas schläfrig zu dem alten Mann hinauf, der ihnen auf der Kanzel das Wort Gottes auslegte. Ob sie alles verstanden, weiss ich nicht. Aber auf manchem Gesicht leuchtete das kleine Glück der Woche, die feierliche Ruhestunde; der Glanz aus einer anderen, höheren Welt; das Gefühl, grosser Dinge gewürdigt zu sein; das glückliche Bewusstsein, neben zwei arbeitenden Händen, einer Sorgenbürde auf dem Rücken, den wilden Gedanken nach Erwerb und Macht doch auch ein ganz kleines, stilles, unsterbliches Seelchen mit sich zu tragen, das einen glücklich macht, wenn es einen in der Sonntagsmorgenstunde mit frommen und sehnsüchtigen Augen anschaut.

Wahrlich, das kleine Glück ist vielleicht noch notwendiger, als das grosse. Zum Glück liegt es meist ganz dicht in unserer Nähe.

Xenos